... lesen!

Dazu eine heiße Schokolade (*) zubereiten, die „Zäh und dickflüssig, schwarz wie die Nacht vor einem schweren Gewitter“ ist, und diese beim Lesen „in kleinen Portionen, heiß, aber nicht zu heiß, in kleinen Tassen und – im Idealfall – mit Silberlöffeln“ verzehren.
(Obendrein kann es nicht schaden, zugleich Taschentücher, einen Boxsack, die Schulter eines geliebten Menschen oder im besten Fall alles drei parat zu halten.)

(*) Keine Angst vor dem Fluch der heißen Schokolade, denn „Für jeden Fluch gibt es einen Zauberspruch, der ihn unschädlich macht“.


Warum 1279 Seiten viel zu kurz sind / georgische Streifzüge durch den Roman:





Es gibt Dinge, da sollten die Menschen alle gleich sein. Und auch die gleiche Ansicht teilen.
– Und diese Dinge wären?
– Zum Beispiel, dass die Sonne wundervoll ist und dass der Frühling Wunder wirken kann, dass das Meer tief und das Wasser weich ist. Dass Musik magisch ist, wenn man sie gut spielt. Dass Zahnschmerz eine furchtbare Angelegenheit und Ballett die schönste Sache der Welt ist.
Stasia fragte sich zum ersten Mal, ob das alles nicht vielleicht seine Richtigkeit hatte, das
Leben, wie es normalerweise verlief, und ob Träume nicht einfach Hindernisse darstellten,
die einen vom Eigentlichen abhielten.
Die Liebe war ein schleichendes, langsames Gift, die Liebe war tückisch und verlogen, die
Liebe war ein Schleier, der über das Elend der Welt geworfen war, die Liebe war klebrig und
unverdaulich, sie war ein Spiegel, in dem man das sein konnte, was man nicht war, sie war
ein Gespenst, das Hoffnung verbreitete, wo es längst keine mehr gab, sie war ein Versteck,
wo man Zuflucht zu finden glaubte und am Ende doch nur sich selbst fand, sie war eine vage
Erinnerung an eine andere Liebe, sie war die Möglichkeit einer Rettung, die am Ende doch
einem Gnadenstoß glich, sie war ein Krieg ohne Gewinner, sie war ein kostbares Juwel
inmitten der Scherben, an denen man sich schnitt, ja, in jenen Zeiten war die Liebe das,
Brilka.
Früher, als ich etwa so alt war wie du, Brilka, habe ich mich oft gefragt, was wohl wäre,
wenn das kollektive Gedächtnis der Welt andere Dinge erhalten und wiederum andere
verloren hätte. Wenn alle Kriege und alle diese unzähligen Könige, Herrscher, Führer und
Söldner vergessen und nur Menschen in den Büchern blieben, die ein Haus mit eigenen
Händen gebaut, einen Garten angelegt, eine Giraffe entdeckt, eine Wolke beschrieben und
den Nacken einer Frau besungen hätten; ich habe mich gefragt, woher wir wissen, dass die,
deren Name überdauert, besser, klüger oder interessanter sind, nur weil sie der Zeit
standgehalten haben – wo bleiben die Vergessenen?
Das Leben blätterte von ihr ab, und was übrig blieb, war sie selbst.
Leider war ich kein Buch, das ich lesen und verstehen konnte. Ich konnte mich nur begreifen,
indem ich mich erfuhr, indem ich lebte, und dieses Leben schien mir immer einen Schritt
voraus zu sein, als könne es nie von mir eingeholt werden.

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